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Gérald Genta: Godfather der Uhrendesigner

Jorg Weppelink
28.02.2017
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Jorg Weppelink
28.02.2017

 

Lassen Sie uns diesen Artikel gleich mit einer Frage beginnen: Wie viele Uhrendesigner kennen Sie mit Namen? Zwei, vielleicht drei? Manche von Ihnen kennen vielleicht eine Handvoll. Das ist schon sehr beachtlich. In der Mode-, Möbel- und Autoindustrie sind die Designer teils berühmter als die Marken. Bei Luxusuhren ist das anders, obwohl es einige wenige Ausnahmen gibt. Der erste Name, der stets auftaucht, wenn Uhrenexperten an Designer denken, ist Gérald Genta. Lassen Sie uns Gentas bekannteste Kreationen ansehen und zusammen herausfinden, was ihn zu einem echten Pionier seiner Zunft macht.

Gérald Genta wurde 1931 in Genf geboren. Er begann seine lang anhaltende Karriere als Uhrendesigner im Jahr 1952, nachdem er eine Lehre zum Goldschmied und Juwelier in seinem Heimatland Schweiz absolviert hatte. In der Welt des Produktdesigns ging es damals noch ganz anders zu als heute. Die meisten Designer waren als Person nicht so bekannt und häufig wurden Designs von den großen Marken bei externen Dienstleistern eingekauft. In der Uhrenindustrie war das nicht anders. Zulieferer von Gehäusen, Armbändern und anderen Uhrenteilen ließen ihrerseits Designer teilweise ganze Uhren kreieren oder manchmal nur einzelne Teile, die sie dann den Marken verkaufen konnten. Auch Gérald Genta hat so angefangen, für 15 Schweizer Franken je Design.

 

So machte sich Genta einen Namen

 

 

Gérald Genta schaffte es, für die meisten der namhaften Hersteller von Schweizer Luxusuhren in den 1950ern zu arbeiten. Einer dieser Hersteller war Universal Genève. Genta entwarf für Universal die Polerouter, die 1954 auf den Markt kam. Um die Flugzeiten der Interkontinentalflüge von Europa nach Nordamerika zu verkürzen, begann die SAS (Scandinavian Airline System) über den Nordpol zu fliegen. Universal Genève stattete die Crews der Flieger mit Polerouter-Modellen aus, die den starken Magnetfeldern in der Polarregion standhielten. Die Uhr wurde der offizielle Zeitmesser der SAS und die erste bekannte Uhr, für die Genta gefeiert wurde.

Der erste Hersteller, der Genta einen Vertrag anbot, war indes Omega. 1960 offerierte der damalige Head of Creation bei Omega, Pierre Moinat, Genta eine Serie verschiedener Exklusiv-Verträge. Genta sollte mit Omegas Zifferblatt-, Gehäuse- und Armband-Zulieferern zusammenarbeiten. Bereits zuvor hatte Genta verschiedene Teile von Omega-Uhren entworfen, aber dies war sein erster Exklusivvertrag. Die bekanntesten Modellreihen, an denen Genta für Omega in den 1960er-Jahren arbeitete, waren die Omega Seamaster und die Omega Constellation.

Im Jahre 1969 gab Gérald Genta seiner Laufbahn eine neue Richtung und begann unter dem Markennamen Gérald Genta selbst Uhren herzustellen, statt diese wie bis dahin nur zu entwerfen. Über die Jahre machte er sich damit einen Namen und brachte einige einzigartige Uhren auf den Markt, unter anderem die Minute Repeater von 1981 mit einem Automatik-Kaliber in einem 2,72 mm flachen Gehäuse. Eine andere war die Grande Sonnerie – zu ihrer Zeit die komplizierteste Armbanduhr der Welt.

 

Die Big Four – oder doch nicht?

 

Gérald Gentas entwarf sein berühmtestes Uhrendesign für einen klassischen Schweizer Luxusuhrenhersteller. Es handelt sich hier – natürlich – um die Audemars Piguet Royal Oak. 1969 bat George Golay, damals Managing Director bei Audemars Piguet, Genta darum, eine so noch nicht gesehene, wasserdichte Sportuhr aus Edelstahl zu entwerfen – und bitte bis morgen! Wie die Legende erzählt, legte Genta am nächsten Tag eine Skizze für die Royal Oak auf den Tisch. Das mittlerweile legendäre Design der Lünette war von einem historischen Taucherhelm inspiriert. War diese Uhr von Beginn an ein Erfolg? Ganz und gar nicht. Als die Uhr 1972 auf den Markt kam, empfanden sie viele Kunden schlicht als zu groß. Dazu kam der saftige Preis von 3.750 Schweizer Franken für eine Uhr aus Edelstahl – man dachte, Audemars Piguet sei vollkommen verrückt.

Vier Jahre nach der Royal Oak wurde ein weiterer Genta-Klassiker lanciert. Auf der Baseler Uhrenmesse von 1976 stellte Patek Philippe die Nautilus vor. Genta sagte in einem Interview, dass er die Uhr bereits zwei Jahre zuvor auf ebendieser Baseler Uhrenmesse entworfen hatte. Während er Leute von Patek Philippe bei einem Dinner beobachtete, fragte Genta einen Kellner nach einem Blatt Papier und einem Stift. Fünf Minuten später stand das Design der Nautilus. Nachdem Genta mit seinen Entwürfen bei Patek eine Punktlandung gemacht hatte, begann man Prototypen zu entwickeln. Im Jahre 1976 war die Nautilus bereit für die Öffentlichkeit.

 

Im gleichen Jahr kam die dritte Design-Ikone von Genta auf den Markt. IWC wandte sich an Genta, die schon bestehende Ingenieur neu zu entwerfen. Ebenfalls im Jahre 1976 erschien die Ingenieur SL. Die Uhr war in einer Linie mit der Royal Oak und der Nautilus: Eine Sportuhr aus Edelstahl mit integriertem Bandanstoß.

Mit einem Gehäusedurchmesser von 40 mm war sie ebenfalls recht groß für die damalige Zeit. Die Ingenieur SL ist bekannt für ihr rundes Design und die innovative Konstruktion mit besonderem Magnetfeldschutz.

 

Viele Jahre dachte man Gérald Genta hätte auch die Vacheron Constantin 222, den Vorläufer der Overseas, kreiert. Daraus wurden für viele Uhrenfans die „Big Four”. Wie ich jedoch vorher schon schrieb, arbeiteten Uhren-Designer zu dieser Zeit eher anonym für die großen Luxusuhrenhersteller. Auch wenn Genta die 222 nicht entworfen hatte, leugnete er nicht, an ihr gearbeitet zu haben. Viele Jahre später bestätigte Vacheron Constantin, dass Jörg Hysek das Design geschaffen hatte.

Bei den „Big Four” von Gérald Genta handelt es sich also um drei Uhren — ein zu Beginn relativ erfolgloses Trio. Das lag hauptsächlich an den ungewohnten Gehäuseformen und -größen der Uhren und auch den sehr hohen Preisen. Zu Zeiten der Quarzkrise waren die Leute nicht dazu bereit, für eine ungewöhnlich aussehende Sportuhr aus Edelstahl viel Geld auszugeben. Sie konnten ja nicht ahnen…

 

Vom Zuarbeiter zum Star

Patek Philippe Nautilus Chronograph

Patek Philippe Nautilus Chronograph, Bild: © Bert Buijsrogge

 

Das Land, das Quarzuhren groß machte, verhalf letztlich auch Genta zu Ruhm. Japanische Uhrenliebhaber wollten damals unbedingt herausfinden, wer für das Design der von ihnen heiß begehrten Royal Oak verantwortlich gewesen war. Das brachte Genta in die Medien. Marken wollen eher nicht, dass die Designer hinter einer Uhr im Rampenlicht stehen. Aber als bekannt wurde, dass Genta der Schöpfer der Royal Oak und der Nautilus war, ließ IWC ebenfalls durchblicken, dass Genta auch der Mann hinter der Ingenieur war. Dies ist nicht verwunderlich, wenn man die drei Uhren näher betrachtet.

Im Grunde brachte Genta drei Designs mit der gleichen Linie auf den Markt – in leicht veränderten Formen: Das Oktagon der Royal Oak, die bullaugenförmige Nautilus und die runde IWC Ingenieur. Ein kluger Schachzug, die Uhren so individuell zu gestalten, ihnen aber einen Genta-Stempel mit Wiedererkennungswert aufzudrücken.

 

Mehr als Royal Oak, Nautilus und Ingenieur

 

Nachdem Genta diese drei Ikonen der Sportuhren geschaffen hatte, machte er sich an weitere Uhren, die – weniger sportlich – ihresgleichen suchen. 1977 kam die Bulgari Bulgari auf den Markt, ebenfalls von Genta entworfen. Die Uhr gibt es seit 1957. Genta modifizierte das Design geringfügig, aber erregte sofort Aufsehen. Das Design der Uhr basierte auf römischen Münzen. Das Hauptmerkmal – der doppelte Markenname – brachte Genta auf die Lünette auf. Die Tatsache, dass diese Uhr noch immer das Highlight der Bulgari-Kollektion ist, beweisen zwei Dinge: Erstens hatte Genta ein Händchen für aufsehenerregende Designs und zweitens hatte Bulgari den Mumm, diese zu produzieren.

Eine weitere Ikone, bei der Genta seine Finger im Spiel hatte, ist die Pasha von Cartier. Louis Cartier entwarf die erste Cartier Pasha 1932 für den Sultan von Marrakesch. Sie war eine der ersten wasserdichten Uhren überhaupt. Der Sultan wollte sie beim Baden anbehalten. 1985 wurde Genta beauftragt, das Design zu überarbeiten. Bis heute wird dieses Design in der Fachwelt gefeiert, da es die Pasha in die Gegenwart geholt hat, ohne ihren typischen Charakter aufzugeben.

Immer wieder entwarf Genta in den folgenden Jahren Uhren für seine eigene Marke, bis er diese 1998 an die Singapore’s Hour Glass Group verkaufte. Im Jahre 2000 kaufte dann Bulgari die Marke und integrierte sie 2010 in ihre eigene Modell-Palette. Gérald Genta launchte unterdessen 2001 eine neue eigene Marke unter dem Namen Gérald Charles. Nach fünf Jahren verkaufte er auch diese. Seitdem widmete sich Genta immer mehr der Malerei und die Uhrenwelt realisierte nach und nach, welches Vermächtnis er über die Jahrzehnte aufgebaut hatte.

 

So entstehen legendäre Uhrendesigner

Audemars Piguet Royal Oak Perpetual Calendar Ceramic

Audemars Piguet Royal Oak Perpetual Calendar Ceramic, Image: Audemars Piguet

 

Gérald Genta war die erste nennenswerte Person, die es in der Uhrenbranche geschafft hatte, sich einen Namen als Uhren-Designer zu erarbeiten. Man könnte sagen, dass Genta diesen Beruf im Prinzip erfunden hat. Es ist daher erstaunlich, dass bis heute Uhren-Hersteller ihre Designer in der Story, die sie um eine Uhr spinnen, nicht mehr hervorheben. Sehen Sie sich an, was der Name Genta für die Royal Oak, die Nautilus und die Ingenieur getan hat. Wenn Gérald Genta nicht mit diesen Uhren verbunden wäre, wären sie wahrscheinlich weder so bekannt noch so wertvoll.

Auch wenn Gérald Genta 2012 im Alter von 80 Jahren verstarb, bleiben sein Erbe und sein Einfluss erhalten. Es ist in vielen Uhrendesigns von heute deutlich zu erkennen. Schauen Sie sich nur mal Hublots Big Bang, die Girard Perregaux Laureato oder auch die kürzlich vorgestellte Piaget Polo S an. Das sind nur einige Beispiele, die den Einfluss Gentas verdeutlichen — und das ist keine schlechte Sache. Um es in Gentas eigenen Worten zu sagen: „Kopiert zu werden, macht mich nicht traurig, es bedeutet für mich Anerkennung und Ansporn zugleich. Wer nicht kopiert wird, ist unfähig.”

 

Lesen Sie mehr über die einzigartigen Uhren von Gérald Genta:

Legendäre Uhrenmodelle: Audemars Piguet Royal Oak

Legendäre Uhrenmodelle: Patek Philippe Nautilus

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