08/31/2022
 6 Minuten

Die Rolex Explorer II und die Tudor Black Bay Pro im Vergleich

Von Jorg Weppelink
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Eine der größten Uhren-Neuheiten des Jahres ist ohne Frage die Tudor Black Bay Pro. Von dieser Uhr und ihrer Story haben Sie bestimmt schon gehört. Wir nehmen den Zeitmesser einmal genauer unter die Lupe und vergleichen die Tudor Black Bay Pro mit der aktuellen Rolex Explorer II Ref. 226570. Es wäre dabei allerdings zu kurz gegriffen, lediglich über die aktuelle Version der Explorer II zu berichten. Denn hinter der Tudor Black Bay Pro steckt eine noch viel größere Geschichte. Erfahren Sie, was diese beiden Uhren einzigartig macht und welches Exemplar das Richtige für Sie wäre. 

Die Geschichte der Rolex Explorer II  

Um diese Geschichte korrekt zu beginnen, müssen wir uns in das Jahr 1971 zurückbegeben, als die erste Rolex Explorer II mit der Referenz 1655 auf den Markt kam. Sie war eine Weiterentwicklung der Explorer-Linie und für die Höhlenforschung konzipiert. Mit ihrem großen orangefarbenen GMT-Zeiger, der die Zeit auf einer fixen 24-Stunden-Lünette anzeigte, sollte sie den Forschern als praktisches Accessoire dienen. Denn wer Tage und Wochen im Dunkel einer Höhle zubringt, verliert das Gefühl für Tag und Nacht. Die Explorer II sollte hier also als AM/PM-Anzeige zum Einsatz kommen. Interessant ist, dass die Explorer II Ref. 1655 bei ihrer Einführung im Jahr 1971 nicht gerade ein Erfolg war. Man empfand sie mit ihren orangen Akzenten als zu schrill und das Zifferblatt mit seinen verschiedenen Skalen als zu schwer ablesbar. In kommerzieller Hinsicht war diese erste Explorer II nie ein großer Erfolg.  

Die Rolex Explorer II, auch bekannt als die „Freccione“  

Nach und nach konnte die Rolex Explorer II aber doch den Respekt der Uhrenliebhaber gewinnen. Die 39 mm große Stahluhr mit der feststehenden 24-Stunden-Lünette aus Stahl, dem einzigartigen schwarzen Zifferblatt mit zwei Skalen und dem großen orangefarbenen 24-Stunden-Leuchtzeiger hob sich durch ihre Andersartigkeit hervor. Sie wurde zum Liebling der Fans, die ihr wegen des markanten Designs ihres GMT-Zeigers den Beinamen „Freccione“ gaben, was im Italienischen so viel heißt wie „großer Pfeil“. Auch unter dem Spitznamen „Steve McQueen“ ist die Uhr bekannt – und das, obwohl der Schauspieler gar keine Explorer II trug, sondern eine Rolex Submariner Ref. 5512. Die Explorer II Ref. 1655 blieb bis 1984 in Produktion, wobei die letzten Exemplare 1985 über die Ladentheke gingen. In jenem Jahr brachte Rolex eine komplett überarbeitete Explorer II mit der Referenz 16550 heraus. Im Laufe der Zeit hat sich die „Freccione“ zu einem begehrten Sammlerstück entwickelt; heute ist sie eines der beliebtesten Vintage-Modelle von Rolex, für das Uhrenliebhaber in der Regel zwischen 20.000 EUR und 50.000 EUR auf den Tisch legen. 

The original: the Rolex Explorer II ref. 1655 "Freccione"
Das Original: Rolex Explorer II 1655 „Freccione“

Eine komplett neue Rolex Explorer II

1985 präsentierte Rolex eine neue Version der Explorer II mit der Referenz 16550. Diese hatte ein neues 40 mm großes Edelstahlgehäuse und ein aktualisiertes Zifferblattdesign, das mit seinen punktförmigen Stundenmarkierungen und einer regulären 60-Minuten-Graduierung deutlich schlichter gestaltet war. Den großen orangefarbenen 24-Stunden-Zeiger hatte Rolex durch einen schlanken roten GMT-Zeiger ersetzt. Auch die feststehende Edelstahllünette wies ein neues Design auf. Das Zifferblatt gab es in schwarzer oder weißer Ausführung, wobei sich das weiße Zifferblatt bei vielen Uhren im Laufe der Zeit verfärbte und einen cremeartigen Farbton annahm. Und Sie ahnen es wahrscheinlich bereits: Für Uhren mit dieser Abweichung werden höhere Preise verlangt – wie bei allen Rolex-Uhren, die mit besonderen Details aufwarten. Die Explorer II Ref. 16550 war die Blaupause für die Explorer II, wie wir sie heute kennen. 

The Rolex Explorer II ref. 16550
Die Rolex Explorer II ref. 16550

So ging es mit der Rolex Explorer II weiter

Der Referenz 16550 folgte eine aktualisierte Version mit Referenznummer 16570. Dieser spendierte Rolex ein neues Uhrwerk sowie eine neue Leuchtmasse. An der Größe der Uhr änderte sich nichts, und auch sonst sah diese ihrer Vorgängerin sehr ähnlich. Im Jahr 2011 ging dieses Modell in den Ruhestand und wurde von der neuen Rolex Explorer II Ref. 216570 abgelöst. Das neue Modell hatte ein größeres Gehäuse mit 42 mm Durchmesser und war – wie die allererste Explorer II – mit einem orangefarbenen GMT-Zeiger ausgestattet. Rolex verbaute hier ein neues Uhrwerk und läutete damit das Zeitalter der modernen Explorer II ein. Die Karriere dieser Referenz endete 2021, als Rolex die aktualisierte Version mit der Referenz 226570 vorstellte.  

Die aktuelle Rolex Explorer II Ref. 226570

Die aktuelle Explorer II verfügt über ein leicht geändertes Gehäusedesign und misst nach wie vor 42 mm. Angetrieben wird sie vom Kaliber 3285, das mit einer erhöhten Gangreserve von 70 Stunden aufwartet. Diese neueste Explorer II ist eine großartige moderne Toolwatch, die mit der gleichen Grundidee entwickelt wurde wie die erste Explorer II Ref. 1655. Technisch ist sie dem ersten Modell von 1971 jedoch weit überlegen. Der Listenpreis der Uhr beträgt aktuell 8.800 EUR, Sie sollten allerdings mit höheren Marktpreisen rechnen: Auf dem Chrono24-Marktplatz bezahlen Sie derzeit zwischen 12.000 EUR und 15.000 EUR. Die Explorer II ist eine jener heiß geliebten Rolex-Sportuhren, welche die Herzen der Uhrenliebhaber erobert haben. Doch lassen Sie uns nun noch einmal auf das erste Design aus dem Jahr 1971 zurückkommen. 

The Rolex Explorer II ref. 226570
Rolex Explorer II Ref. 226570

Hier kommt die Tudor Black Bay Pro ins Spiel … 

Dieses erste Design ist ein Teil der Geschichte von Rolex geworden. Sammler, die eine Explorer II Ref. 1655 besitzen, hegen und pflegen ihre Uhr. Und warum auch nicht? Schließlich ist sie eines der berühmtesten Vintage-Modelle von Rolex und übt auf Liebhaber alter Rolex-Uhren eine große Anziehungskraft aus. Aber für alle, die keine 20.000 EUR bis 50.000 EUR für eine Uhr übrig haben – und das gilt wohl für die meisten von uns – wird dieser Klassiker wahrscheinlich für immer unerreichbar bleiben. Zumindest galt das bis Anfang dieses Jahres. Denn im April 2022 stellte Tudor auf der Watches & Wonders die Black Bay Pro vor – ein mutiger Schritt, der dem Uhrenhersteller sowohl Lob als auch Kritik einbrachte.  

Tudors Erfolgsstrategie 

Seit der Einführung der Black-Bay-Serie im Jahr 2012 besteht die Strategie von Tudor darin, das Erbe von Tudor und Rolex als Inspiration für die Black-Bay-Linie zu nutzen. Kombiniert mit dem Einsatz moderner Uhrwerke und Produktionsstandards entstand eine atemberaubende Uhrenlinie, die sich heute größter Beliebtheit erfreut. Diese erlaubt Ihnen, die Magie der Uhrenklassiker von Rolex und Tudor zu erleben, ohne dafür ein Vermögen ausgeben zu müssen. Was Tudor in der Vergangenheit jedoch nie getan hat, ist ein bestimmtes Modell aus dem Rolex-Katalog zu kopieren. Die Rolex Submariner und die Rolex GMT-Master dienten Tudor bei seinen Uhrendesigns stets als Inspirationsquelle, wobei sich diese aber nie an nur einer Referenz orientierten. Mit der Black Bay Pro hat Tudor jedoch Neuland betreten: Hier nahm sich die Rolex-Schwester eindeutig die Explorer II Ref. 1655 zum Vorbild und kreierte zu diesem Design ein Tudor-Pendant.   

Die Tudor Black Bay Pro: Inspiriert von einer ganz bestimmten Rolex-Referenz 

Das als Nachahmung empfundene Design ist der Grund, warum viele Uhrenliebhaber die Black Bay Pro kritisieren. Andere loben Tudor dafür, dass sie dieses beliebte Design wieder aufleben lassen und damit ermöglichen, eine Uhr mit dem Charme der Explorer II Ref. 1655 zu einem Bruchteil des Preises zu erwerben. Die Tudor Black Bay Pro hat ein 39-mm-Edelstahlgehäuse und eine fixe 24-Stunden-Lünette. Diese Elemente sind genauso gestaltet wie bei der Explorer II Ref. 1655. Sie verfügt über einen charakteristischen großen gelben GMT-Zeiger, allerdings in der für Tudor typischen „Schneeflocken“-Ausführung. Beim Zifferblatt hat sich Tudor klugerweise für das moderne Design der Rolex Explorer II mit punktförmigen Stundenmarkierungen und gängiger Minuterie entschieden. Dadurch ist das Zifferblatt leicht ablesbar, was bei der 1655 nicht gerade der Fall war.  

Wuchtig, aber sehr tragbar 

Im Innern des Gehäuses, das bis 200 m (20 bar) wasserdicht ist, tickt bei der Black Bay Pro das Chronometer-zertifizierte Kaliber MT5652. Dieses moderne Uhrwerk bietet 70 Stunden Gangreserve und konnte nach anfänglichen Schwierigkeiten bei der Einführung der Tudor Black Bay GMT im Jahr 2018 seine Zuverlässigkeit unter Beweis stellen. Einziger Nachteil des Werks ist, dass es die Uhr mit einer Höhe von 14,6 mm ziemlich dick macht. Bei einem Durchmesser von 39 mm wirkt die Uhr somit relativ wuchtig. Für Menschen mit schmaleren Handgelenken ist das nicht gerade ideal, auch wenn jene mit größeren Handgelenken Ihnen bestätigen werden, dass sich die Uhr sehr komfortabel trägt. Im Vergleich zur aktuellen Explorer II mit ihrer Höhe von 12,5 mm – was auch schon recht ordentlich ist – wirkt sie dennoch klobig. Mit einem Preis von 3.700 EUR ist die Tudor jedoch deutlich erschwinglicher als die Rolex.  

Welche Uhr ist die richtige für Sie? 

Beim Vergleich dieser beiden Uhren gibt es einige grundlegende Unterschiede, die Sie berücksichtigen sollten. Rolex ist eine Marke, die niemals zurückblickt und sich mit der stetigen Weiterentwicklung ihrer ikonischen Modelle dem kontinuierlichen Fortschritt verschrieben hat. Tudor dagegen stützt seine Strategie fast ausschließlich auf die Rückschau und lässt sich bei seinen Uhrenmodellen von klassischen Rolex- und Tudor-Designs inspirieren. Dies ist ein wesentlicher Unterschied zwischen den beiden Marken. Ein weiterer besteht darin, dass sich bei Rolex die Geschichte und das Prestige der Marke in den Preisen niederschlägt. Tudor hat sich durch die Herstellung fantastischer Zeitmesser zu deutlich günstigeren Preisen zwar viel Anerkennung verdient, wird aber immer die kleine Schwester von Rolex bleiben. Doch das ist keineswegs etwas Schlechtes. Schließlich bietet Tudor vielen Uhrenliebhabern, insbesondere der jüngeren Generation, eine moderne und erschwingliche Möglichkeit, in das Vermächtnis von Rolex und Tudor einzutauchen und sich ein Stück davon ans Handgelenk holen. Gibt es hier also wirklich ein Richtig oder Falsch? Nein, natürlich nicht. Eine Uhr zu kaufen und zu tragen, ist etwas sehr Persönliches. Richten Sie sich dabei ausschließlich nach Ihren eigenen Bedürfnissen und lassen Sie die Maßstäbe anderer Links liegen. Die Frage, ob Sie lieber eine Rolex Explorer II oder eine Tudor Black Bay Pro möchten, können nur Sie selbst beantworten.  

The Tudor Black Bay Pro
Tudor Black Bay Pro

Über den Autor

Jorg Weppelink

Hallo, ich bin Jorg und schreibe seit 2016 Artikel für Chrono24. Meine Beziehung zu Chrono24 reicht jedoch deutlich weiter zurück, denn meine Liebe zu Uhren erwachte …

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