06/02/2022
 7 Minuten

MING: Die beste unabhängige Uhrenmarke der Welt?

Von Jorg Weppelink
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Die Geschichte von MING ist eine ganz besondere. Alles begann, als sich Ming Thein, ein begeisterter Uhrensammler und Uhrenfotograf, dazu entschloss, einen eigenen Zeitmesser unter seinem Namen zu entwickeln. Zusammen mit fünf weiteren Uhrenliebhabern gründete er 2014 die Marke MING in der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur. Diese hat sich in den letzten acht Jahren zu einer der aufregendsten und gefragtesten unabhängigen Uhrenmarken der Welt entwickelt. Erfahren Sie mehr über das Projekt MING und dessen Initiator Ming Thein. 

MING: Die außergewöhnliche Geschichte des Markengründers Ming Thein 

Die Lebensgeschichte des MING-Gründers Ming Thein ist alles andere als durchschnittlich. Mit zwölf Jahren machte er seinen Schulabschluss, begann mit dreizehn zu studieren und schloss mit sechzehn sein Physikstudium an der Oxford-Universität erfolgreich ab. Während seiner Zeit in Oxford entwickelte er ein Interesse für Uhrendesign und Uhrentechnik. Er wurde aktives Mitglied in verschiedenen Online-Uhrenforen, besuchte regelmäßig Uhrentreffen und fotografierte die außergewöhnlichen Zeitmesser, die er dort entdeckte. Zu seinem Studienabschluss schenkten ihm seine Eltern eine A. Lange & Söhne 1815, was seine Faszination nur noch verstärkte. Nachdem Thein einige Jahre lang für verschiedene Unternehmen gearbeitet hatte, bot sich ihm die Gelegenheit, seine Leidenschaft für die Fotografie zum Beruf zu machen. Er baute ein großartiges Portfolio für ein breites Spektrum an Kunden aus verschiedensten Bereichen auf – von Luxusuhren und anderen Produkten über Architektur bis hin zu Lebensmitteln. Dank seiner guten Verbindungen in die Uhrenwelt erhielt er Aufträge von mehreren Uhrenmarken innerhalb des Richemont-Konzerns und der Swatch-Gruppe. Der Spaß, den ihm die Beschäftigung mit Uhren normalerweise brachte, ging Thein während dieser Auftragsarbeiten allerdings verloren, wie er in mehreren Interviews berichtete. Sechs Jahre nach Beginn seiner beruflichen Laufbahn als Fotograf wurde Thein Strategie-Chef beim schwedischen Kamerahersteller Hasselblad sowie Mitglied des Beirats beim chinesischen Fotodrohnenhersteller DJI. 

Im Jahr 2014, auf dem Rückflug von einer Uhrenmesse, beschlossen Ming Thein und einige gleich gesinnte Uhrenliebhaber, eine eigene Uhrenmarke zu lancieren. Mit Thein als Initiator und zentraler Figur des Projekts gründeten sie die Marke MING in der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur. Zwar hatte Thein bereits in Australien, Neuseeland und dem Vereinigten Königreich gelebt, doch Kuala Lumpur ist seine Geburtsstadt und dort lebt er auch heute – es ist sein Zuhause. Thein ist bei MING für Design, Strategie und Fotografie zuständig. Seine fünf Kollegen und Mitbegründer der Firma bringen jeweils ihre eigene Expertise ins Geschäft mit ein und ergänzen sich gegenseitig. Allen gemeinsam ist die Begeisterung fürs Uhrensammeln und die Faszination für edle Zeitmesser. 

Ming Thein ist Designchef und Leiter des operativen Geschäfts bei MING.

Vom Uhrensammler zum Uhrenhersteller

Die Leitidee der Uhrenmarke ergibt sich aus dieser gemeinsamen Freude am Sammeln von Uhren. Die MING-Begründer mussten feststellen, dass sich die Rahmenbedingungen für Uhrensammler stark verändert hatten. Vintage-Uhren wurden immer teurer, wodurch viele ikonische Zeitmesser weniger zugänglich wurden. Viele Sammler konnten und können sich die berühmtesten Zeitmesser der Welt aufgrund der drastischen Preissteigerungen nicht mehr leisten. Diese Erkenntnis war die Grundlage dafür, die Marke MING zu erschaffen. Thein und sein Team wollten die Begeisterung zurückbringen, die sie empfanden, als sie mit dem Sammeln von Uhren begannen – bevor diese immer teurer wurden. Zugänglichkeit und ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis kennzeichnen die Marke bis heute. MING produziert seine Uhren nicht inhouse, sondern arbeitet bei der Fertigung mit ausgewählten Partnern in der Schweiz zusammen. Diese stellen die Komponenten her, bauen diese zusammen und kümmern sich um Regulierung sowie erforderliche Tests. Zum Schluss findet in Malaysia eine abschließende Qualitätskontrolle statt. 

Diese Vorgehensweise hat sich für die Marke in den letzten fünf Jahren als sehr erfolgreich erwiesen. Ja, Sie haben richtig gelesen: fünf Jahre. MING wurde zwar bereits 2014 gegründet, jedoch dauerte es seine Zeit, bis der erste Zeitmesser entworfen und produziert war. Glücklicherweise hatte Thein eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie die erste MING-Uhr aussehen sollte. Aber ein Design in Metall umzusetzen, ist natürlich eine andere Geschichte. Um herauszufinden, worauf es dabei ankommt, bestellte Thein mehrere maßgefertigte Uhren bei der Schweizer Uhrenmanufaktur Ochs und Junior. Mit den Erkenntnissen, die er daraus gewann, und seinen Entwürfen ausgestattet, begannen Thein und die anderen Gründer ihr Abenteuer. Im Jahr 2016 hatte das Team eine solide Vorstellung davon, was es erreichen wollte. Im August 2017 war es schließlich so weit: Thein und seine Kollegen präsentierten der Welt ihr erstes eigenes Design, die MING 17.01

Die Veröffentlichung der MING 17.01 war die Geburtsstunde einer der erfolgreichsten unabhängigen Uhrenmarken.

MING: Design trifft auf Funktionalität

Seit dieser ersten Vorstellung konnte sich MING unter eingefleischten Uhrenliebhabern eine treue Fangemeinde erobern. Die Kombination aus herausragendem Design und einer Auswahl hochwertiger Uhrwerke zeigt, was MING so besonders macht. Die Design-Handschrift der Marke ist unverkennbar, insbesondere die Gehäuseform mit den charakteristischen geschwungenen Bandanstößen. Bei der Gestaltung der Zifferblätter hat MING verschiedene Richtungen eingeschlagen, und dennoch gibt es einen grundlegenden Stil, der sich wie ein roter Faden durch die verschiedenen Entwürfe zieht. Mit mehr als 40 neuen Uhren in fünf Jahren hat MING auf dem übersättigten Uhrenmarkt, wo neue Marken wie Pilze aus dem Boden schießen, definitiv seine eigene Handschrift gefunden. 

Werfen wir also einen Blick auf einige der fabelhaften Uhren, die MING geschaffen hat, um einen Eindruck von der Kreativität der Marke zu bekommen. Eine der Besonderheiten von MING ist, dass der Hersteller jedes Modell in einer kleinen limitierten Auflage produziert. Da es mehr Fans als verfügbare Zeitmesser gibt, kann es eine ziemliche Herausforderung sein, eine MING zu ergattern. Aber wenn man es erst einmal geschafft hat, weiß man, dass man etwas Besonderes besitzt. Die Kollektion lässt sich in zwei Kategorien unterteilen: die Modelle der regulären Produktion und die sog. „Special Projects Cave“, in der die neuartigen und komplizierten Zeitmesser zu finden sind. Wie Sie vielleicht schon erraten haben, sind diese Uhren in ihrer Anzahl noch begrenzter und auch wesentlich teurer. Dennoch steht der Grundgedanke eines guten Preis-Leistungs-Verhältnisses stets im Vordergrund. 

Es ist nicht leicht, die besten Exemplare aus dem großen Uhrenangebot der Marke herauszusuchen. Angefangen hat natürlich alles mit der MING 17.01 – einer 38 mm großen Uhr mit Titangehäuse, die sogleich den unverwechselbaren Stil der Marke erkennen ließ. Die Uhr verfügt über ein mehrschichtiges Zifferblatt in Blau oder Grau mit einem raffinierten Muster in der Mitte, das mit dem einfallenden Licht zu spielen scheint. Die Ziffern sind der erste Ausdruck des ikonischen MING-Stils, der sich im Laufe der Zeit immer stärker ausgeprägt hat. Als Uhrwerk wählte Thein das Sellita SW210-1 mit Handaufzug. Die Entscheidung für ein Handaufzugswerk ermöglicht dem Träger eine stärkere Interaktion mit der Uhr, wodurch man den Zeitmesser, den man am Handgelenk trägt, bewusster wahrnimmt. 

Die MING 19.01: Der ultimative Allrounder?   

Das zweite Modell ist die MING 19.01. Diese Uhr basiert auf der 17.01 und wurde 2017 vorgestellt. Sie hat den gleichen Gehäusestil, ist mit einem Durchmesser von 39 mm jedoch 1 mm größer. Bei der Entwicklung diese Uhr hat sich das Team von MING immer wieder gefragt: Wie würde die ultimative Uhr aussehen, die man immer und überall tragen kann? Und so machten sich Thein und seine Mitstreiter daran, etwas wirklich Einzigartiges zu erschaffen. Die Uhr sollte eine gewisse Tiefe und Substanz besitzen, sowohl in Bezug auf das Design als auch auf die uhrmacherischen Qualitäten. Sie spielten mit der Idee, die Uhr zu skelettieren. Diese Art der Gestaltung ist zwar an sich nicht neu, aber so wie MING sie umsetzte, hatte man sie in der Uhrenwelt noch nicht gesehen. In der Mitte zeigt sich das aus Saphirglas gefertigte Zifferblatt in einem tiefen, undurchsichtigen Blau, welches zu den Rändern hin allmählich transparent wird und so den Blick auf das Innenleben des Schwarz-Etienne MSE100-Uhrwerks freigibt. Es gibt noch viele weitere raffinierte Details, welche die MING 19.01 zu einer ganz besonderen Kreation machen. Sie schaffte es ins Finale des renommierten Grand Prix d’Horlogerie de Genève 2018 – eine große Ehre für eine so junge Marke.  

Es war jedoch eine andere Uhr, die MING tatsächlich einen Preis einbrachte: Beim GPHG 2019 gewann das Modell 17.06 den Award in der Kategorie „Horological Revelation“. Ein Jahr später war MING mit der 27.01 und der 18.01 H41 erneut unter den Finalisten. Dies macht deutlich, dass die Marke nicht nur bei Uhrenliebhabern auf der ganzen Welt beliebt ist, sondern auch in der Branche hohes Ansehen genießt. 

Die MING 27.01

Ich möchte Ihnen sehr ans Herz legen, sich alle Uhren dieser Marke anzusehen. Es ist buchstäblich für jeden etwas dabei, vorausgesetzt, Sie mögen den charakteristischen Stil von MING. Zu meinen persönlichen Favoriten gehört die 19.02, die an den Erfolg der GPHG-Finalistin 19.01 anknüpft. Die Uhr verfügt zusätzlich über eine Weltzeitkomplikation und ersetzt das Handaufzugswerk durch ein Automatikwerk mit Mikrorotor. Sie ist eine stilvolle Uhr für den modernen Reisenden und ein großartiger Alltagsbegleiter. Ein weiteres herausragendes Modell ist die bereits erwähnte 18.01 H41. Sie ist MINGs Interpretation einer modernen Taucheruhr und das Ergebnis ist spektakulär. Ihr minimalistischer Stil in Kombination mit modernen Materialien und einer zeitgemäßen Ausführung schafft einen Zeitmesser, der sich deutlich von der klassischen Taucheruhr unterscheidet, aber seinen ganz eigenen Reiz hat. 

Die MING 18.01

Letztes Jahr hat MING zwei Uhren in Zusammenarbeit mit Massena LAB kreiert. Die beiden Modelle mit dem Namen MING x Massena LAB 17.09 zeichnen sich durch ihre Farbkombinationen aus. Das erste Modell besitzt ein honigfarbenes Zifferblatt mit Wabenmuster und ist mit einem schwarzen Alcantara-Armband ausgestattet. Das zweite Modell verfügt über das gleiche Zifferblatt in Schwarz und über ein beiges Lederarmband. Beide Uhren treibt eine modifizierte Version des Sellita-SW330-2 an, das ein separates Verstellen des Stundenzeigers ermöglicht – ideal für Menschen, die viel reisen. Die neueste Kreation von MING ist die 22.01, eine ideale Uhr für Reisende. Die GMT-Uhr ist die perfekte Weiterentwicklung des MING-Stils. 

Die MING 17.09

Und dies sind nur einige Modelle der regulären Produktion. Wenn wir uns in die „Special Projects Cave“ begeben, entdecken wir noch ausgefallenere Uhren in Bezug auf Stil, Ausführung, Materialien und uhrmacherische Leistung. Es ist schwer, das alles in Worte zu fassen, deshalb empfehle ich Ihnen, sich einfach die verschiedenen Ausführungen der 20.01, des ersten Chronographen der Marke, anzusehen. Ein wahres Kunstwerk ist die MING 20.01 Series 2 aus 2021. Aber auch die 20.01 Mosaic mit ihrem einzigartigen, im Dunkeln leuchtenden Zifferblatt ist ein brillanter Zeitmesser. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. In fünf Jahren ist es MING gelungen, eine vielfältige Uhrenkollektion aufzubauen, die von Uhrenfans auf der ganzen Welt hoch gelobt wird. Dementsprechend groß ist die Nachfrage nach den Zeitmessern. Angesichts begrenzter Produktionszahlen ist es nicht immer einfach, eine der Neuerscheinungen zu ergattern. Wundern Sie sich also nicht, wenn die Preise auf dem Chrono24-Marktplatz weit über dem offiziellen Listenpreis der Uhr liegen. Es ist schlicht und einfach ein weiterer Beweis für den unglaublichen Erfolg von MING.  


Über den Autor

Jorg Weppelink

Hallo, ich bin Jorg und schreibe seit 2016 Artikel für Chrono24. Meine Beziehung zu Chrono24 reicht jedoch deutlich weiter zurück, denn meine Liebe zu Uhren erwachte …

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