09/15/2023
 4 Minuten

Robust, elegant, zeitlos: Was ist die Geschichte hinter Edelstahluhren?

Von Jorg Weppelink
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Was ist die Geschichte hinter Edelstahluhren?

Haben Sie sich schon einmal gefragt, wie Edelstahl in der heutigen Uhrenwelt zum Standard werden konnte? Ein Grund liegt auf der Hand: Es ist ein robustes Material, das der täglichen Abnutzung standhält und rost- und korrosionsbeständig ist. Aber wie und wann kam es dazu, dass wir Edelstahl für Uhren verwendeten? Drehen wir einmal die Zeit zurück und schauen uns die Antworten an!

Die Geschichte der Edelstahluhren

Wir müssen nicht sehr weit in die Vergangenheit reisen, um die U(h)rsprünge des Edelstahls zu finden. Während die Verwendung üblichen Stahls bis ins Jahr 326 v. Chr. zurückverfolgt werden kann, gibt es Edelstahl erst seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Wenn Sie sich ein wenig mit Materialzusammensetzungen auskennen, wissen Sie wahrscheinlich, dass Stahl eine Legierung aus Eisen und Kohlenstoff ist. Aber um die für Edelstahl typischen Eigenschaften zu erhalten, muss diese Formel verändert werden. Dass Edelstahl korrosionsbeständig ist, liegt am Zusatz von Chrom. Man kann auch verschiedene andere Materialien wie Nickel, Molybdän, Titan, Niob und Mangan hinzufügen, um die Korrosionsbeständigkeit noch zu steigern und weitere Materialeigenschaften zu erzeugen. Das Endprodukt ist ein Stahl, der für seine Stärke und Korrosionsbeständigkeit bekannt ist und leicht gereinigt und poliert werden kann.

Vom Ladenhüter zu einer der begehrtesten Grailwatches: Die Audemars Piguet Royal Oak.

Edelstahl wurde in den 1910er-Jahren zum ersten Mal in die Uhrenwelt eingeführt und ging nach dem Wall-Street-Crash von 1929 durch die Decke. Die Nachfrage nach Gold- und Silberuhren war drastisch zurückgegangen und die günstiger zu produzierenden Edelstahluhren nahmen diese Lücke ein. Anfangs war die Härte von Edelstahl eine Herausforderung für die maschinelle Verarbeitung, aber als die Uhrmacher diese Herausforderung gemeistert hatten, wurde Edelstahl ihr Hauptmaterial.

Die verschiedenen Zusammensetzungen von Edelstahl

Als Uhrenliebhaber haben Sie sicher schon einmal die Zahlen 316L oder 904L in Beschreibungen gelesen. Diese Zahlen beziehen sich auf verschiedene Legierungen und ihre Eigenschaften: 316L- und 904L-Edelstahl. Beide Arten gehören zu den sogenannten austenitischen Edelstählen, einer Klasse an Edelstahllegierungen, welche die gleiche Kristallstruktur aufweisen.

Der Hauptunterschied zwischen den beiden Versionen ist, dass 904L einen höheren Anteil an Nickel und Chrom aufweist und zudem Kupfer enthält. Dadurch ist 904L-Edelstahl korrosionsbeständiger als 316L – und säureresistenter. Aufgrund des höheren Chromanteils wirkt es auch noch glänzender nach dem Polieren. Ein weit verbreiteter Irrtum ist, dass 904L schwieriger zu bearbeiten sei, aber das stimmt nicht, denn in Wirklichkeit ist 316L das härtere der beiden Materialien.

Inzwischen verwenden immer mehr Uhrenmarken 904L-Edelstahl, aber Rolex war die erste Marke, die das Material einsetzte und ihm einen besonderen Stellenwert beimaß. Aber Rolex wäre natürlich nicht Rolex, wenn es dem Material nicht seinen eigenen Namen gegeben hätte: Oystersteel. Rolex bewirbt den 904L-Edelstahl intensiv; eine Werbekampagne behauptet sogar „Bei Rolex ist Stahl ein Edelmetall“. Eine tatsächlich sehr clevere Kampagne, insbesondere wenn man bedenkt, wie viel teurer 904L-Edelstahl ist.

Rolex Submariner ref. 5512
Eins der beliebtesten Edelstahlmodelle von Rolex: die Rolex Submariner.

Einer der Nachteile von 904L-Edelstahl ist, dass es bei Menschen mit Nickelallergie allergische Reaktionen auslösen kann. Bei 316L-Edelstahl passiert das weitaus seltener, da es deutlich weniger Nickel enthält. Aber wenn Sie absolut sichergehen wollen, dass Sie keine allergische Reaktion zeigen, sollten Sie auf eine Titanuhr setzen. Titan ist nicht nur leichter als Edelstahl, sondern auch hypoallergen.

Polieren oder nicht polieren?

Was Wartung und Instandhaltung angeht, hält Edelstahl ein Leben lang. Abgesehen davon ist es aber natürlich trotzdem nicht völlig vor Abnutzung gefeit. Wir alle kennen die Kratzer und Dellen, die unsere Edelstahluhren mit der Zeit unweigerlich zieren; umso besser, dass man sie polieren und ihnen so wieder ihren ursprünglichen Glanz verleihen kann. Allerdings wollen viele Uhrenliebhaber gar keine Uhr, die zu sehr poliert wurde. Wenn es jemand mit dem Polieren zu gut meint, kann er die Wölbung des Gehäuses verändern und so die ursprüngliche Form der Uhr verfälschen.

Aber warum sollte man eine Vintage-Uhr überhaupt polieren, wo die kleinen Macken doch so spannende Geschichten erzählen? Ich gehöre zu den Menschen, die es bevorzugen, wenn Vintage-Uhren auch nach Vintage aussehen. Die kleinen Macken verleihen ihnen einen besonderen Charakter. Ein tolles Beispiel ist eine Vintage-Rolex GMT-Master Ref. 1675 aus den 1960ern mit einer verblassten Lünette, einem stark abgenutzten Armband und einem zerkratzten Gehäuse. Ein weiteres tolles Exemplar, das mit ein paar Macken besonders gut aussieht, ist die Omega Speedmaster „Moonwatch“. Auch Seikos Vintage-Taucheruhren aus Edelstahl verleihen die kleinen Kratzer und Dellen einen besonderen Charme.

Vintage Rolex GMT Master II from 1967
Vintage-Rolex GMT-Master Ref. 1675 von 1967

Wie sieht die Zukunft der Edelstahluhren aus?

Gegenwärtig ist Edelstahl der Standard für Luxusuhren, und ich schätze, dass das auch noch eine Weile so bleiben wird. In den letzten Jahren haben wir allerdings auch einen starken Aufstieg von leichteren Materialien wie Titan, Carbon und Keramik beobachtet.

Einige traditionsbewusstere Uhrenliebhaber stören sich allerdings daran, dass man das Gewicht der Uhren aus solchen Materialien am Handgelenk nicht spürt. Einige Uhrenträger brauchen ein gewisses Gewicht, um immer das beruhigende Gefühl der Uhr am Handgelenk zu spüren. Insofern wird es immer einen Markt für Uhren aus Edelstahl geben, und dasselbe gilt für Edelmetalle. Es ist gut zu wissen, dass wir uns auch noch viele weitere Jahre an großartigen Edelstahluhren erfreuen können.


Über den Autor

Jorg Weppelink

Hallo, ich bin Jorg und schreibe seit 2016 Artikel für Chrono24. Meine Beziehung zu Chrono24 reicht jedoch deutlich weiter zurück, denn meine Liebe zu Uhren erwachte …

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