11/09/2021
 7 Minuten

Sind moderne Uhrenikonen besser als ihre Vintage-Gegenstücke?

Von Jorg Weppelink
Audemars-Piguet-2-1
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Im Allgemeinen gibt es zwei verschiedene Arten von Uhrenliebhabern: Die einen lieben die glorreichen Vintage-Uhren aus vergangen Tagen, wohingegen die anderen überhaupt kein Interesse an Vintage-Uhren haben. Letztere interessieren sich vielleicht für Geschichten und Designs der Klassiker, aber sie würden sich nie eine Vintage-Uhr kaufen. Moderne Uhren sind ihrer Meinung nach einfach besser. Aber haben sie recht? Es ist zwar objektiv richtig, dass moderne Uhren mit der neuesten Technologie ausgestattet sind und aus besseren Werkstoffen gefertigt werden – es sind aber nicht nur diese technischen Details, die sie für einige zur besseren Wahl machen. Vintage-Liebhaber sehen das ganz anders. Für sie sind der historische Wert, die Intention und die Geschichten, die mit Vintage-Uhren verbunden sind, viel mehr wert als eine brandneue Uhr. Ist das eine nun besser als das andere? Finden wir es heraus, indem wir uns einige der größten Ikonen der Branche anschauen. 

Daytona vs. Daytona

Die moderne Rolex Daytona
Die moderne Rolex Daytona

Die Rolex Daytona ist nicht nur die derzeit beliebteste Uhr der Welt, sondern auch das perfekte Beispiel für diesen Artikel. Es gibt eine klare Trennung zwischen Vintage-Daytonas und modernen Daytonas. Wenn wir über Vintage-Daytonas sprechen, beziehen wir uns auf die Modelle mit Handaufzug, die zwischen 1963 und 1988 produziert wurden. Im Jahr 1989 stellte Rolex die ersten Daytona-Modelle mit Automatikaufzug vor. In diesem Zuge kamen auch die Design-Updates, die aus ihr die Uhr machten, die wir heute als moderne Daytona bezeichnen. 

Welche Modelle sollen wir also miteinander vergleichen? Wir nehmen die beiden, die sich am ähnlichsten sind: Die aktuelle Daytona Referenz 116500LN mit weißem Zifferblatt ist der letzten Vintage-Daytona mit Handaufzug, der Referenz 6263 am ähnlichsten. Diese wurde bis 1988 produziert. Wenn Sie diese beiden Uhren nebeneinanderlegen, können Sie sofort erkennen, welchen Einfluss das Vintage-Modell auf den Look der aktuellen Version hatte. Beide verfügen über Edelstahl-Gehäuse mit weißen Zifferblättern, kontrastierenden Hilfszifferblättern und verschraubten Drückern. Es gibt aber auch einige Unterschiede.  

Zunächst einmal misst die Vintage-Referenz 6263 36 mm im Durchmesser, was deutlich kleiner ist als die 40 mm der aktuellen Daytona. Zweitens gibt es offensichtliche Unterschiede bei der Materialauswahl und der Verarbeitung. Viele Vintage-Liebhaber beschweren sich über das zu auffällige Erscheinungsbild moderner Rolex-Uhren mit ihren Keramik-Lünetten und polierten Mittelgliedern. Ein weiteres Detail, in dem sich beide Modelle unterscheiden, ist die Höhe der Zeigerachse auf den Hilfszifferblättern bei 3 und 9 Uhr – bei modernen Daytonas liegen diese über der mittleren Achse. Das ist eines dieser Details, das Sie, wenn Sie auf optisches Gleichgewicht Wert legen, nicht wieder übersehen können, sobald Sie es einmal bemerkt haben. 

Rolex Daytona ref. 6263
Rolex Daytona Referenz 6263

Der bedeutendste Unterschied ist aber, dass Vintage-Daytonas Geschichten erzählen, wohingegen die modernen Versionen eher steril wirken. Wenn Sie nach einer modernen Sportuhr für den täglichen Gebrauch suchen, finden Sie kaum etwas Besseres als die aktuelle Daytona Referenz 116500LN. Wenn Sie aber den wahren Geist der Daytona wollen, lässt sich nicht leugnen, dass ein Vintage-Modell mit einem legendären Lemania-Handaufzugswerk nur schwer zu schlagen ist.  

Fazit: Nehmen Sie die Vintage-Version. 

Omega Speedmaster “Moonwatch“

Die moderne Omega Speedmaster Professional
Die moderne Omega Speedmaster Professional

Eine weitere offensichtliche Wahl ist die legendäre Omega Speedmaster „Moonwatch“. Diese Uhr kam erstmalig 1957 als Sport-Chronograph auf den Markt, aber ihre Geschichte veränderte sich, als sie 1969 zur ersten Uhr auf dem Mond wurde. Schauen wir uns also die Speedmaster Referenz 105.012 (die Uhr, die Buzz Aldrin trug, als er die Mondoberfläche betrat) an und vergleichen sie mit der aktuellen Speedmaster Professional Referenz 310.30.42.50.01.001 mit Hesalitglas und einem festen Gehäuseboden. Sie werden schnell feststellen, dass die beiden Uhren viel gemeinsam haben. 

Die Referenz 105.012 war die erste Speedmaster mit einem asymmetrischen Gehäuse mit gedrehten Bandanstößen, das noch heute verwendet wird. Sie war außerdem die erste Speedmaster mit dem Wort „Professional“ auf dem Zifferblatt. Darüber hinaus tickt in ihr das berühmte Kaliber 321, das unter Speedmaster-Liebhabern Legendenstatus erlangt hat. Das Uhrwerk ist so berühmt, dass Omega vor zwei Jahren für die Speedmaster Calibre 321, auch bekannt als die „Ed White“, eine modernere Version davon entwickelte.  

Die moderne Speedmaster Professional sieht der Vintage-Speedmaster Referenz 105.012 sehr ähnlich. Omega verstand es im Laufe der Jahre sehr gut sicherzustellen, dass die neuen „Moonwatch“-Modelle immer genügend Details aus der Vergangenheit beibehalten. Somit ist die Trennung von den authentischen Vintage-Uhren nie allzu groß. Zusätzlich verwendet das Unternehmen weiterhin das Hesalitglas, das auch für die Vintage-Modelle verwendet wurde. Omega entschied sich jedoch, das Uhrwerk dieses Modells aufzurüsten. Das neue Kaliber 3861 ist eine moderne Co-Axial-Version des Kalibers 861, welches auf das Kaliber 321 der Referenz 105.012 folgte. 

Die Vintage-Speedmaster 105.012
Die Vintage-Speedmaster 105.012

Am Ende fällt die Wahl zwischen diesen beiden Uhren schwer. Omega hat beim Design des Gehäuses, des abgestuften Step Dials und des brillanten Armbands der neuen Moonwatch ganze Arbeit geleistet. Sie ist wirklich ein enormer Fortschritt im Vergleich zur Vorgängerversion, aber wenn Sie die Uhr erleben möchten, die auf dem Mond war, kommen Sie nicht um die Referenz 105.012 herum. Denn während die moderne Speedmaster Professional „Moonwatch“ zwar das Erbe fortführt, ist es noch immer die Vintage-„Moonwatch“, die dieses Erbe begründet hat – und das ist unschlagbar. 

Fazit: Kaufen Sie die Vintage-Version für ihre Geschichte und dann die moderne für den täglichen Gebrauch. 

Die Audemars Piguet Royal Oak „Jumbo“

Als Nächstes haben wir die ikonische Audemars Piguet Royal Oak „Jumbo“. Diese von Gérald Genta entwickelte Uhrenikone leitete mit ihrer Markteinführung 1972 eine Revolution ein. Heutzutage wird die Royal Oak als erste moderne Luxus-Sportuhr aus Stahl betrachtet, eine Kategorie, die sich in letzter Zeit enormer Beliebtheit erfreut. Aber nichts geht über das Original, oder? Vielleicht hat ja die moderne Version eine Chance. 

Was unmittelbar auffällt ist, dass die erste Generation der Royal Oak „Jumbo“ Referenz 5402 sich nicht allzu sehr von der aktuellen Royal Oak „Jumbo“ Extraflach Referenz 15202 unterscheidet. Die Größe, das Gehäuse, das Armband und sogar das Uhrwerk sind immer noch immer identisch. Audemars Piguet hat allerdings die Datumsscheibe verändert. Diese hat nun die gleiche Farbe wie das Zifferblatt, wohingegen das Original eine kontrastierende weiße Datumsscheibe besaß. Obwohl die Uhr über Jahrzehnte unverändert blieb, ist es dem Unternehmen gelungen, mit der neuen Version Verbesserungen einzuführen. 

Die erste Generation der Royal Oak „Jumbo“ Referenz 5402
Die erste Generation der Royal Oak „Jumbo“ Referenz 5402

Audemars Piguet benötigte ein ausgesprochen flaches Uhrwerk, um Gentas Vision einer modernen Sportuhr mit integriertem Armband und schlankem Profil Leben einzuhauchen. Sie verwendeten schließlich das besonders flache Automatikkaliber 2121, welches in Zusammenarbeit mit Jaeger-LeCoultre und mit finanzieller Unterstützung von Audemars Piguet, Patek Philippe und Vacheron Constantin entwickelt wurde. Es überrascht nicht, dass Audemars Piguet dieses Uhrwerk weiterhin in der Referenz 15202 verwendet, da es weithin als außergewöhnliches Kaliber betrachtet wird. 

Wenn es darum geht, sich für eine von beiden Varianten entscheiden zu müssen, würde ich der modernen Version den Vorzug geben. Einige der Vintage-Exemplare sind nicht gut gealtert und im Vergleich zum Original ist die aktuelle Version fast identisch, verfügt jedoch über kleinere ästhetische Verbesserungen. Daher ist die Wahl für mich recht offensichtlich. Ich verehre zwar Gentas Erbe und sein Original-Design, würde mich aber dennoch für die Royal Oak „Jumbo“ Extraflach Referenz 15202 entscheiden. 

Fazit: Nehmen Sie die moderne Version. 

Patek Philippe Nautilus

Die moderne Patek Philippe Nautilus
Die moderne Patek Philippe Nautilus

Der letzte berühmte Zeitmesser, den ich hier besprechen möchte, ist die Patek Philippe Nautilus. Dabei handelt es sich um eine weitere Kreation Gérald Gentas, die in den 1970er-Jahren auf den Markt kam, genauer gesagt 1976. Das Original, die Patek Philippe Nautilus Referenz 3700, lässt sich gut mit der modernen Nautilus Referenz 5711/1A vergleichen. Patek Philippe hat aktuell allerdings nur eine Version der Referenz 5711 mit grünem Zifferblatt im Sortiment. Die blaue Edition wurde bekanntlich eingestellt und war aus technologischer Sicht die gleiche Uhr. Es gilt abzuwarten, was das Unternehmen plant, wenn die Produktion der Version mit grünem Zifferblatt ausläuft. Es scheint undenkbar, dass es eine Patek-Philippe-Kollektion ohne eine Nautilus basierend auf dem historischen Original geben wird. 

Bei der Ausarbeitung des Designs für Patek Philippe verfolgte Genta einen ähnlichen Ansatz wie bei der Royal Oak und der IWC Ingenieur, die im selben Jahr auf den Markt kamen wie die Nautilus. Genta lotete unterschiedliche symmetrische Formen für jede dieser Uhren aus: rund für die ICW, quadratisch für die Patek Philippe und achteckig für die Audemars Piguet. Die quadratischen Linien der Nautilus sind kein bisschen gealtert, auch wenn Patek Philippe Teiles des Designs und des Uhrwerks modernisiert hat. 

Die erste Patek Philippe Nautilus Referenz 3700
Die erste Patek Philippe Nautilus Referenz 3700

Sowohl die moderne als auch die Vintage-Version verfügen über das gleiche Gehäuse und Armband, Patek Philippe entschied sich jedoch, der neuen Version einen Sekundenzeiger hinzuzufügen. Darüber strahlen die Indizes bei der modernen Uhr größere Präsenz aus als bei der Original Referenz 3700, da sie mit mehr Leuchtmasse versehen wurde. Auch die Minutenzähler haben ihre Form verändert. Mir gefällt die moderne Version etwas besser, obwohl ich mir über den Sekundenzeiger unschlüssig bin. Wenn der Maestro es einfach halten wollte, warum sollte man es dann ändern? Audemars Piguet war schlau genug nichts am Design zu verändern. 

Das Uhrwerk hat sich im Laufe der Zeit auch geändert. Die erste Nautilus Referenz 3700 verwendet das gleiche Automatikkaliber 2121, das auch in der Royal Oak zu finden war, aber benannte es in 28-255 um. In der aktuellen Version ist jedoch das Automatikkaliber Patek Philippe 26-330 SC verbaut. Dieses moderne Uhrwerk ist, wie es vom Genfer Unternehmen nicht anders zu erwarten ist, absolut brillant. Im Vergleich bevorzuge ich optisch die aktuelle Version – sie ist einfach ein bisschen ausgewogener. Allerdings hatte ich schon mehrmals das Vergnügen, eine originale Nautilus Referenz 3700 zu tragen und muss gestehen, dass das Tragen eines Original-Genta-Designs, so wie er es beabsichtigte, ziemlich beeindruckend war. Deshalb würde ich mich für die Vintage-Uhr entscheiden. 

Fazit: Nehmen Sie die Vintage-Version. 

Das war unser Vergleich zwischen Vintage und Moderne für vier Branchen-Ikonen. Natürlich gibt es beim Vergleich dieser legendären Uhren kein Richtig und Falsch. Sie müssen sich einfach für eine entscheiden. Jede einzelne dieser Uhren wird heutzutage für sehr viel Geld verkauft. Diese verrückten Preise machen es deutlich einfacher, sich eine Meinung über sie zu bilden, denn die Wahrscheinlichkeit, sich selbst einmal entscheiden zu müssen, geht gegen null. Sofern Sie jedoch über genügend finanzielle Mittel verfügen, wünsche ich Ihnen eine erfolgreiche Suche! 

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Über den Autor

Jorg Weppelink

Hallo, ich bin Jorg und schreibe seit 2016 Artikel für Chrono24. Meine Beziehung zu Chrono24 reicht jedoch deutlich weiter zurück, denn meine Liebe zu Uhren erwachte …

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