18.02.2020
 5 Minuten

Uhren aus dem Schwarzwald: Die Anfänge der deutschen Uhrmacherkunst

Von Bert Buijsrogge
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Watches from the Black Forest: Where German Watchmaking Began

Wir haben uns bereits in mehreren Artikeln mit Uhrenmarken beschäftigt, deren Heimat außerhalb der Schweiz gelegen ist. Dieses Mal wollen wir uns einer Reihe von Uhren widmen, die aus einer deutschen Region mit langer Uhrmachertradition stammen. Nein, wir sprechen nicht über Sachsen. Stattdessen fahren wir einmal quer durchs Land in den Schwarzwald. Diese Mittelgebirgsregion im Südwesten Deutschlands erstreckt sich über mehr als 6.000 km² und ist die Heimat der deutschen Uhrmacherkunst.

Der Schwarzwald

Der Schwarzwald und die Stadt Pforzheim im Besonderen blicken auf eine reiche Schmuck- und Uhrmachertradition zurück. Pforzheim – das „Tor zum Schwarzwald“ – hat sich bereits vor langer Zeit als „Goldstadt“ einen Namen gemacht. Heute allerdings haben andere deutsche Städte die Führung übernommen. Nichtsdestotrotz sind noch immer einige Uhrenmarken im Schwarzwald ansässig, von denen viele Ende des 19. bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden sind und die Jahre erfolgreich überdauert haben.

Eza Automatic, Image: Bert Buijsrogge
Eza Automatic, Image: Bert Buijsrogge

Einige der bekanntesten Marken aus dem Schwarzwald sind Hanhart, Junghans, Laco und Stowa. Die meisten unter ihnen sind schon eine ganze Weile im Geschäft. Es gibt aber auch eine kleinere Marke, die erst vor Kurzem zu neuem Leben erweckt wurde. Dabei handelt es sich um Eza Watches. Das Unternehmen wurde von einem niederländischen Uhrmacher übernommen und 2016 in Pforzheim wiedereröffnet – 37 Jahre nach der Schließung der ursprünglichen Firma. Seither hat Eza neben seinem Traditionsmodell auch einige moderne Uhrendesigns auf den Markt gebracht. Es lohnt sich, diese interessante Marke im Auge zu behalten. Doch lassen Sie uns nun einen Blick auf die alteingesessenen Marken der Region werfen.

Hanhart und die PIONEER TwinDicator

Die Geschichte der Marke Hanhart reicht bis ins Jahr 1882 zurück. Das Unternehmen wurde ursprünglich in der Schweiz gegründet, verlegte aber rund 20 Jahre später seinen Sitz nach Schwenningen. Es blieb seinen schweizerischen Wurzeln treu, verlagerte jedoch die Produktion in den Schwarzwald. Das Unternehmen war erfolgreich, insbesondere nachdem der Sohn des Gründers, Wilhelm Hanhart, 1920 in die Firma eintrat. Wilhelm war ein begeisterter Sportler und hatte das Bestreben, erschwingliche und zuverlässige Stoppuhren zu entwickeln. Im Jahr 1938 zog die Firma erneut um, dieses Mal nach Gütenbach, wo sie noch heute ihren Sitz hat.

Hanhart Vintage Monopusher
Hanhart Vintage Monopusher

Um 1938 stellte Hanhart seinen ersten Ein-Drücker-Chronographen vor. Dies markierte den Beginn einer neuen Ära. Die Marke sollte nach und nach für ihre Chronographen mit asymmetrischer Drücker-Anordnung bekannt werden. Ein weiteres charakteristisches Merkmal ist die rote Farbe des Drückers. Viele Chronographen verfügten seinerzeit über eine Flyback-Funktion, wobei die rote Farbe daran erinnern sollte, den Drücker nicht unbedacht zu betätigen. Der Legende nach soll das rote Bedienelement dadurch entstanden sein, dass einst eine Pilotengattin den Drücker an der Uhr ihres Mannes mit rotem Nagellack anmalte. Der rote Drücker sollte den Mann daran erinnern, vorsichtig zu sein und wohlbehalten zu seiner Frau zurückzukehren. Auch heute noch verwendet Hanhart den roten Drücker und die asymmetrische Anordnung bei ausgewählten Modellen.

Hanhart Pioneer TwinDicator
Hanhart Pioneer TwinDicator

Die PIONEER TwinDicator ist die moderne Version des originalen Hanhart-Fliegerchronographen mit Flyback-Funktion und asymmetrischem Drücker. Sie unterscheidet sich vom Original vor allem dadurch, dass sie etwas größer ist und über ein Automatikwerk verfügt. Was den Zifferblattaufbau, die Kathedralzeiger und die kannelierte Lünette mit roter Markierung betrifft, so ähnelt die Uhr ihrem Vintage-Vorbild sehr stark. Die rote Markierung erlaubt es dem Träger, rasch die verstrichene Zeit zu ermitteln. Die PIONEER TwinDicator gibt es – historisch korrekt – auch mit glatter Lünette. Die Uhr ist mit Lederarmband für 2.840 EUR und mit Metallarmband für 3.040 EUR im Handel erhältlich.

Junghans und Max Bill

Von den drei Uhrenmarken aus dem Schwarzwald, die wir uns heute ansehen, ist Junghans die älteste. Erhard Junghans gründete das Unternehmen im Jahr 1861. Die Firma erwies sich als sehr erfolgreich, und zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Junghans der größte Uhrenhersteller der Welt. Um eine Vorstellung vom Produktionsumfang zu bekommen: Um die Zeit des 100-jährigen Bestehens von Junghans produzierten die 6.000 Mitarbeiter des Unternehmens täglich 20.000 Uhren. Ganz schön beeindruckend – um es vorsichtig auszudrücken.

Um ihre Uhrendesigns zu verbessern, suchte die Marke die Zusammenarbeit mit dem Produktgestalter Max Bill. Dieser war ein bekannter Architekt, Maler, Bildhauer, Publizist und Industriedesigner mit einem umfangreichen Portfolio. Er wurde 1908 geboren, studierte am Bauhaus und ist Mitbegründer der Hochschule für Gestaltung Ulm. Max Bill ist bekannt für seine vom Bauhausstil inspirierten Produktdesigns. Für Junghans entwarf er zunächst Küchenuhren und ab 1961 Armbanduhren.

Junghans Max Bill, Image: Bert Buijsrogge
Junghans Max Bill, Image: Bert Buijsrogge

Die heutige Max Bill Automatic ist in ihrem Design ebenso geradlinig wie die allerersten Modelle des Produktgestalters. Der Zeitmesser mit 38-mm-Gehäuse verkörpert die Maxime des Bauhauses, nach der die Form der Funktion zu folgen zu hat. Sie können sich für die wahrhaft minimalistische Variante mit langen, dünnen Stundenindizes und kurzen Minutenstrichen entscheiden oder für die Variante mit Ziffern und Stundenmarkierungen. Alle Modelle entsprechen den ursprünglichen Designs von Max Bill, besonders diejenigen ohne Datumsfenster. Sie beherbergen alle das gleiche Kaliber mit 38 Stunden Gangreserve. Der Preis unterscheidet sich je nach Konfiguration und liegt bei etwa 750 EUR.

Stowa und die Flieger Klassik

Stowa ist die jüngste Marke in unserer Reihe. Hinter dem Markennamen verbirgt sich der Name des Gründers Walter Storz. Stowa wurde 1927 in Hornberg gegründet und verlegte seinen Standort erst 1935 nach Pforzheim. In Folge von Luftangriffen im Jahr 1945 wurde die Produktion nach Rheinfelden verlagert. Heute befindet sich der Hauptsitz von Stowa in Engelsbrand, nur wenige Kilometer von Pforzheim entfernt

Stowa Antea Klassik 365
Stowa Antea Klassik 365

In seinen frühen Jahren produzierte Stowa Uhren im Bauhausstil. Diese sind heute als das Modell Antea bekannt. Das Unternehmen begann 1939 ebenfalls mit der Fertigung von Marine-Beobachtungsuhren und großen B-Uhren für Piloten. Damals war es nicht üblich, das Zifferblatt einer Uhr mit dem Markennamen zu versehen. Die Uhrendesigns waren rein funktional und auf die wesentlichen Elemente beschränkt. Lediglich ein Dreieck mit zwei Punkten bei zwölf Uhr sowie Stundenziffern von eins bis elf waren auf dem Zifferblatt zu sehen. Ab 1941 produzierte Stowa Zifferblätter mit einer zweiten Skala — auch bekannt als „Baumuster B“. Die Stundenziffern wanderten nach innen und es kam eine Zahlen-Minuterie in 5-Minuten-Schritten hinzu.

Stowa Flieger No Logo
Stowa Flieger No Logo

Die Stowa Flieger Klassik hat die größte Ähnlichkeit mit den ersten Fliegeruhren der Marke. Natürlich wurde der stattliche 55-mm-Gehäusedurchmesser des Originals reduziert. Mit einem Durchmesser von 40 mm hat die heutige Uhr die perfekte Größe. Die Flieger Klassik wird wahlweise vom Automatikwerk ETA 2824-2 oder der Handaufzugsvariante ETA 2804-2 angetrieben. Beide verfügen über 42 Stunden Gangreserve und sind mit Genfer Streifen verziert. Die Uhr zählt zu den getreuesten Interpretationen originaler Fliegeruhren, die Sie heute finden können, und ist für unter 1.100 EUR zu haben.

Abschlussgedanken

Obgleich das deutsche Uhrmacherhandwerk seinen Ursprung im Schwarzwald hat, stehen heute andere Regionen an der Spitze der deutschen Feinuhrmacherei. Dennoch haben einige Uhrenmarken, die auf eine reiche und eindrucksvolle Geschichte zurückblicken, hier nach wie vor ihre Heimat. Auch ein paar neuere, wiedererstandene Marken sind im Schwarzwald ansässig. Es ist großartig zu sehen, wie jede einzelne dieser Marken ihr Erbe pflegt. Wenn Sie auf der Suche nach einer neuen Uhr für Ihre Sammlung sind, sollten Sie den Schwarzwald definitiv in Erwägung ziehen.

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Über den Autor

Bert Buijsrogge

Ich arbeitete 15 Jahre in der Immobilienbranche. In den letzten Jahren habe ich meine Leidenschaft für Uhren und Fotografie dann zum Beruf gemacht. Ich habe mich …

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